Seidelbast und Adlerfeder
Die Adlerfeder, gefunden auf dem Grat des Amelier

Seidelbast und Adlerfeder

Neulich als ich in der Grubenberghütte kochen half, habe ich morgens vor dem Frühstück mit Hüttenwart und Wanderleiter Ruedi Hählen den Amelier bestiegen. Wie wir um vier Uhr morgens über die Schneefelder hinaufstapften, erzählte mir Ruedi, dass er vor einer Weile auf dem Gipfel einen Steinadler gesehen habe. Als wir dann bei Sonnenaufgang dem Grat entlanggingen, habe ich ins Gebüsch geschaut, weil ich einen blühenden Seidelbast finden wollte… da lag die Adlerfeder! Und etwas weiter am Grat fanden wir dann den Seidelbast auch noch.

Ich kenne den Seidelbast aus dem Garten. Es ist ein gedrungener Zwergstrauch von sparrigem Wuchs. Im Garten kann er etwa einen Meter gross werden, aber diejenigen auf dem Grat des Amelier waren gerade mal 30 bis 40 Zentimeter hoch. Vor allem im angelsächsischen Raum sind die Pflanzensammler ganz verrückt danach. Denn der Seidelbast blüht in milden Lagen lange, bevor der Frühling kommt. Und es gibt diverse Sorten und Züchtungen, die grösstenteils selten und eben auch sehr teuer sind.

In den Alpen blüht der Seidelbast natürlich erst, wenn der Schnee schmilzt. 

Hochgiftige Beeren

Der Echte Seidelbast (Daphne mezereum) ist eine botanische Rarität in zweierlei Hinsicht. Erstens wachsen seine Blüten direkt aus dem Stamm. In Dreiergrüppchen erscheinen sie an der Stelle, wo im Herbst die Blätter abgefallen sind, unterhalb einer Knospe. Nach der Blüte wachsen dann aus den Knospen die kleinen ledrigen Blätter. Diese direkte Stammblütigkeit gibt es sonst nur bei Tropenpflanzen. Der Seidelbast ist somit die einzige cauliflore (stammblütige) Pflanzenart Mitteleuropas. 

Die zweite botanische Eigenheit des Seidelbasts ist, dass er keine Blütenkronen bildet. Die Blüten bestehen nur aus einzelnen zylindrischen Kelchröhren. Darin befinden sich jeweils acht Staubbätter, die in zwei Kreise untereinander angeordnet sind. Der Fruchtknoten bleibt in der Kelchröhre verborgen. Mit seinem intensiven Duft lockt der Seidelbast Schmetterlinge und andere langrüssselige Insekten an, die ihn bestäuben. 

Später im Sommer bilden sich dann den Zweigen entlang die roten, erbsengrossen Beeren. Diese sind hochgiftig. Bereits vier Beeren reichen, um ein Kind zu töten! Auch die Zweige sind sehr giftig, und werden manchmal Tieren zum Verhängnis, die daran knabbern. 


Vieh trieben mit Seidelbast

Früher wurde der Seidelbast als Medizinpflanze verwendet. Aus der Rinde wurde eine Essenz hergestellt, die als Abführ- und Brechmittel diente, ausserdem verwendete man eine Paste aus Seidelbast-Rinde als Zugsalbe. Auch gegen Kopf- und Zahnschmerzen wurde Seidelbast eingesetzt. Heute wird er in der Pflanzenmedizin nicht mehr verwendet, aber in der Homöopathie kommt manchmal noch Seidelbast zum Einsatz bei Hauterkrankungen oder Schmerzen. Im Volksglauben kam dem Seidelbast eine grosse Bedeutung als Hexenpflanze zu. Insbesondere wurde ihm nachgesagt, dass er die Milchleistung der Kühe steigere. Und so wurde denn in manchen Gegenden früher das Vieh mit Seidelbastzweigen auf die Weide getrieben.

 

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